Was dir nie jemand sagt… über Sex ab 50
In dieser Reihe stelle ich Menschen, die 50 Jahre oder älter sind, fünf Fragen dazu, wie sich ihr Sexleben entwickelt hat.
Das 11. Interview (kölsche Jubiläum) habe ich mit zwei Frauen gleichzeitig geführt. Louela (64) und Intelluna (60), die schon seit vielen Jahren befreundet sind und dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Sexleben gemacht haben. Das hat dieses (leider hier etwas gekürzte) Gespräch zu einem wunderbaren Dialog der Pesperketiven werden lassen!
Wenn du auch einmal Teil der Interview-Reihe sein möchtest oder jemanden kennst, der*die interessiert ist, melde dich gerne bei mir! Los geht’s:
Welche Stichworte beschreiben Sex ab 50 für dich am besten?
Intelluna: “Entspannt, nicht mehr vorkommend.”
Louela: “Hach, bei mir ist das ganz anders. Erfüllend, lustvoll, ausprobierend, lebendig. Ich will das jetzt keine Erweckung nennen, aber schon ein wachgerüttelt Sein. Also ein sich selber Wachrütteln.”
Intelluna: “Vielleicht ergänze ich dann auch noch ein bisschen, damit man das “entspannt” und “nicht mehr vorkommend” einordnen kann. Ich hatte nämlich mit 50, sehr exakt zu meinem 50. Geburtstag, eine Reihe von kritischen Lebensereignissen.
Schlagartig kam ich in die Menopause, hatte plötzlich gar keine Regel mehr. Und bin von einer heftigen Angst und Depression über Monate hinweg aus dem Leben katapultiert worden. Außerdem gab es noch eine Reihe von anderen Belastungsfaktoren. U. a. noch relativ kleine, gerade eingeschulte Zwillinge. Der Sex kam irgendwann wieder in mein Leben zurück, aber verhalten.”
Was fühlt sich bei Sex ab 50 anders an als mit 30?
Louela: “Ich fahre nicht mehr so viele Schleifen im Kopf: Wie muss ich performen? Wie muss ich sein? Was wird von mir erwartet? Und auch mein Körpergefühl hat sich geändert. Ich bin nicht mehr so auf der Hut, kann mit meiner Üppigkeit ganz anders umgehen. Und ich habe keine Bilder mehr von mir im Kopf, wie ich meine, dass ich gesehen werden möchte. Das hat dazu geführt, dass mir beim Sex heute völlig egal ist, wie ich aussehe oder wie ich wirke. Also insgesamt ist da mehr Ich-Bezogenheit. Es ist vom Außen ins Innen gegangen. Und wieder raus – in Form von Orgasmen.”
Intelluna: “Das ist genau, was ich mit “entspannter” meinte. Ja, da kann ich einiges unterschreiben. Die Performance war nicht mehr so wichtig und umso weniger, weil ich mit 50 seit 10 Jahren mit meinem heutigen Mann zusammen war und es keine anderen Sexualpartner gab. Deswegen war unser Sex weniger lustorientiert, weniger ein “Boah, lass es uns tun jetzt sofort”, sondern mehr ein “in tune” sein, ein Synchronschwimmen. Aus Lustbefriedigung als Motivation für Sex wurde die Sehnsucht nach dem zusammen schwimmen.”
Worauf willst du heute beim Sex (nicht mehr) verzichten?
Intelluna: “Ich möchte gerade auf Sex verzichten dürfen.”
Louela: “Das finde ich auch wichtig. Auf Sex verzichten zu dürfen, ohne mich als Neutrum oder mit so einer negativen Konnotation asexuell zu fühlen. Ich fühle mich sehr sinnlich, ich habe auch ein Gespür für Erotik, aber ich möchte zur Zeit nicht mit einer anderen Person – auch kaum mit mir selbst – sexuell interagieren.
Ich möchte allerdings nicht mehr darauf verzichten, wenn ich Sex habe zu unterscheiden, wann ich bei mir bin und wann ich lustgebend bin. Ich meine jetzt nicht bei Solosex, sondern bei Sex mit einem Partner oder einer Partnerin. Also dieses Hingeben an so etwas Fließendes beim Sex, darauf will ich auf keinen Fall wieder verzichten. Und auch nicht auf das, was ich mir da geschaffen habe an Ich, Ich, Ich. Aber auch nicht auf die Phasen, wo ich nicht nur Ich, Ich, Ich bin. Diese große Bandbreite, darauf will ich auf keinen Fall mehr verzichten – und nicht auf diese Flexibilität.”
Ist dir Sex heute wichtiger oder unwichtiger als mit 30?
Louela: “Er ist mir heute wichtiger, weil mir viel klarer ist, was dabei für mich ist. Ich bin auch mutiger im Sinne davon, was ich alles ausprobieren will. Nicht, dass ich das alles schon ausprobiert hätte oder vor nichts mehr zurückschrecke. Aber ich habe viel mehr Gefühl dafür und deswegen ist Sex lustvoller.
Und auch diese Verbindung zu Bindung. Einfach nur Sex aus Lust zu haben, ging früher nicht. Das musste legitimiert sein durch eine Verbundenheit mit dem Partner. Also nicht, dass es nicht erlaubt war, verschiedene Partner zu haben. Aber es war für mich gekoppelt an Bindung. Also Sex ging nur, wenn ich mir eingebildet habe oder das Gefühl hatte, ich bin verliebt. Oder ich will mehr von dem. Mach mir ein Kind, bau mir ein Haus, kauf mir einen Porsche – diese Art von Sinn in Verbindung. Der Zwang ist bei mir heute nicht mehr vorhanden.”
Intelluna: “Mir war Sex mit 50 unwichtiger als mit 30. Tatsächlich folgerichtig aus dem vorher Gesagten. Mit 30 war viel mehr Lust und Neugierde, Abenteuerlust da. Aber durchaus auch diese Bindungs-Konstrukte. Ich habe mich oft dabei ertappt mit einem Typ erst mal Sex zu haben in dem Wissen, dass das eine vorüberziehende Figur ist. Um hinterher festzustellen, dass sich da schon wieder ein Teil von mir verknallt hat. Wie schrecklich! Muss das sein? Warum passiert das in mir? Es hat mich aber Gott sei Dank – obwohl ich auch intensiv auf Beziehungssuche war – nicht daran gehindert, phasenweise viele wechselnde Sexualpartner zu haben. Mit mehr oder weniger intensiver Lust. Es war einfach eine starke Bindungssehnsucht in mir.”
Was hat dir nie jemand über Sex ab 50 gesagt?
Intelluna: “Ich wundere mich, dass mein physisches und emotionales Interesse an Sex tatsächlich so gesunken ist. Weil ich davon ausgegangen bin und das in den Jahrzehnten vorher so auch in meiner Umgebung wahrgenommen habe, dass selbstverständlich auch die Frau oder die Paare im fortgeschrittenen Alter Sex haben. Und auch haben sollen, weil das ein Zeichen seelischer und sonstiger Gesundheit sein soll, dass Menschen bis ins hohe Lebensalter sexuell aktiv bleiben. Und dass das bei mir jetzt so anders geworden ist, wundert mich.
Klar, das Biografische ist natürlich immer sehr individuell, aber mir hat irgendwie keiner gesagt, dass das passieren kann. Tatsächlich habe ich mich noch wahnsinnig gefreut, als meine Regel ausblieb und die Gynäkologin mir gesagt hat, jetzt sind Eisprünge auch mit größter Sicherheit auszuschließen. Da dachte ich: “Hurra, endlich kein Verhütungsthema mehr! Und die Kinder sind groß!” Ich dachte, jetzt geht es ab! Was haben wir darauf gefiebert, wenn die Kinder aus dem Haus sind, endlich mal Zeit zu haben, ohne sich etwas erschleichen zu müssen. Aber jetzt kommt unser Sex überhaupt nicht mehr in Gang.
Was mir jetzt gut tut, ist, auch von der einen oder anderen Frau oder Freundin zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, bei der das sexuelle Interesse so nachgelassen hat. Aber ich hätte mir gewünscht, dass mir das vorher einfach als eine Option vorgestellt wurde: Verlust der Lust kann passieren. Ein Teil von mir findet das auch okay und ich spüre kein schmerzhaftes Vermissen. Aber es gibt einen anderen Teil von mir, der es gerne so aufblühend erleben würde wie Louela. Der denkt, es wäre auch schön, wenn ich das mit meinem Mann auf diese entspannte Art leben könnte. Also ein Bedauern ist da, aber kein Leidensdruck.”
Louela: “Also ich habe nicht gehört, dass Sex später so aufblühen kann. Ja, dass er mit 50 nochmal aufblühen kann vielleicht, aber ich bin nun immerhin 64 und gucke immer noch nach und frage mich, ist mein Sex noch da? Und er ist noch da. Dabei sagen doch eigentlich alle, im Alter kommt ein irrer Libidoverlust und die Unsichtbarkeit. Ich freue mich, dass ersteres bei mir nicht so ist.
Allerdings stimmt es, dass ich als Frau unsichtbarer werde und das kotzt mich an! Besonders in dem Wissen darum, wie attraktiv ich früher war un, dass ich das nicht bewusst ausgelebt habe. Das ist wirklich so ein ganz tiefes Gefühl von: “Mist! So ein Scheiß, was für ein Ärger!” Wenn ich das damals gewusst hätte, dann hätte ich das, was ich jetzt an Gefühl habe… Boah, ich hätte es so genießen können. Wie schade, wie schade, wie schade. Und ja, ich werde unsichtbarer. Dummerweise. Und ich höre aber immer mehr Frauen unseres Alters, die sagen, sie möchten so gerne mehr über ihre Weiblichkeit reden. Die jungen Frauen machen das jetzt Gott sei Dank endlich und noch mehr. Vielleicht haben wir dafür ja ein Stück den Weg bereitet.”
Dessen bin ich mir ganz sicher, liebe Louela. Danke dafür und auch dir, liebe Intelluna, für euer Vertrauen und eure Offenheit. Eure Erfahrungen zeigen ganz eindrücklich, wie individuell die Erwartungen an ein Sexleben ab 50 sein können und wie viel mehr die Betonung hierbei auf dem Leben liegen kann als auf Sex. Es ist toll zu sehen, dass Zufriedenheit trotz allem immer möglich ist.
