Content-Warning: Notfallverhütung und Sorge vor ungewollter Schwangerschaft.

Hach, das war ein schöner Orgasmus. Meiner fühlte sich tief, intensiv und befriedigend an und seiner… Nun, sein Gesicht sah währenddessen auch nicht unzufrieden aus. Wir waren ziemlich zeitgleich gekommen, was ich hier gar nicht glorifizieren möchte. Manchmal, ganz selten passiert das eben und es ist kein besserer oder erstrebenswerterer Orgasmus. Auch wenn viele Softporn-Romantik-Filmszenen mir das eine lange Weile vorgelebt haben.

Ich halte meinen Sex nicht für gescheitert, wenn wir nicht synchron höhepunkten (oder überhaupt nicht). Ich finde es nur einfach so heiß, wenn mein*e Sexpartner*in mir signalisiert, dass es gleich soweit ist, dass ich selbst nicht mehr an mich halten kann. Hurra!

Back to the story – Zufriedene Gesichter und Genitalien also in dieser Nacht. Bis sein Gesicht plötzlich einen irritierten Ausdruck annahm und seine Lippen ein „Oh!“ formten, das mehr von Schock als von Lust zeugte. Alteingesessene Leser*innen dieses Blogs werden nachvollziehen können, warum ich geneigt bin, diesen Ausruf alarmierend zu finden, wenn ich im Moment seiner Äußerung ohne Hose daliege. Und auch in diesem Fall verhieß er nichts Gutes, sondern leitete die Vermisstenanzeige des soeben verwendeten Kondoms ein.

Fischers Fritzchen wurde sicher Frauenarzt

Ein paar Eckdaten zu dieser Situation: Er und ich hatten einen geplanten und soliden One Night Stand. Er verwendete meiner Einschätzung nach eine für sich passende Kondomgröße. Ich selbst nutzte zum beschriebenen Zeitpunkt kein Verhütungsmittel. Das Kondom rutschte beim Penis-in-Vagina-Sex unbemerkt ab. Die Tatsache, dass er es auch durch hektisches Abtasten des Bettlakens nirgends entdeckte, ließ langsam die Befürchtung in mir reifen, dass dieser Sex samt Ejakulation ungeschützt von Statten gegangen war.

Also fand ich mich in seinem Badezimmer ein, um nackt, breitbeinig und leise vor mich hin fluchend mit zwei Fingern in mir nach dem abgängigen Präservativ zu fischen. Inklusive ansteigender Panik und Scham bei dem Gedanken, dass ich es vielleicht gar nicht aus eigener Kraft aus meiner Vagina entfernen könnte und zum nächstmöglichen Zeitpunkt meine Frauenärztin darum bitten müsste. Aber don’t get your hopes up auf eine weitere peinliche Gynäkologinnen-Stuhl Anekdote, letztlich habe ich’s erwischt. Und dadurch jedoch jegliche Hoffnung verloren, dass es vielleicht doch erst nach dem Sex magischerweise in den Laken gelandet sein könnte.

Danach begann eine kleine Odyssee der Sorgen und Überlegungen, die ich mit Ende 20 auf diese Weise zum ersten Mal erlebte. Ich hatte zuvor in meinem Leben schon mehrmals Verhütungspannen mit Kondomen durchgemacht, aber zu diesen Zeitpunkten auch immer selbst aktiv verhütet. Ergo kam ich nun ebenso zum ersten Mal in den Genuss des erleichternden Gedankens, dass ich mir immer noch asap die berühmte „Pille danach“ besorgen gehen könnte.

Eine nicht repräsentative Umfrage unter den Follower*innen meines Instagram Accounts ergab, dass knapp 80% der Teilnehmenden (50 Stimmen insgesamt) bereits in eine Situation gekommen waren, in der die „Pille danach“ zum Einsatz kam. Außerdem trauen sich unter den Teilnehmenden 66% zu, dass sie die Wirkungsweise dieses Notfallverhütungsmittels erklären können. Der Rest ist sich nicht sicher.

Für diesen Rest und für mich selbst schreibe ich diesen Text. Denn ich hatte ja keine Ahnung, wie falsch ich mit meiner Hoffnung lag. Doch auch für die optimistischen 66% könnte dieser Text einen Mehrwert bieten. Denn die Antworten auf die anschließende Quizfrage über den Zeitrahmen, in dem die „Pille danach“ wirksam werden kann, zeigen: Auch die aufgeklärte Mehrheit liegt nicht immer richtig in ihrer Selbsteinschätzung.

Wie die „Pille danach“ funktioniert

Inzwischen stand ich also nackt und fröstelnd wieder in seinem Schlafzimmer, präsentierte meinen Fund und hörte meiner Stimmlage die aufkommende Panik an, als ich ihm die Hausaufgabe gab, alsbald seinen STI Status klären zu lassen. Ffs, wieso macht das eigentlich kaum ein hetero Mann regelmäßig, der mir begegnet? Vom Augen zuhalten und hoffen, dass die Infektionen einen nicht sehen, wenn man selbst auch nicht sieht, ob sie da sind, hat es sich bisher selten effektiv schützen lassen.

Empfänglich für meine schockierte Stimmung blieb mein Sexpartner ruhiger und konzentrierte sich darauf, die nächstgelegene Notapotheke für mich ausfindig zu machen. Schließlich war auch ihm eingefallen, dass man in grauer Vorzeit doch mal etwas von einem Notfallverhütungsmittel aka „Pille danach“ gehört hatte. Wann, wenn nicht jetzt, sollte der richtige Zeitpunkt für ihren Einsatz gekommen sein?

Ich zog mich also hastig und nachlässig an (wer braucht schon nach dem One Night Stand einen BH), schnappte meine Sachen und stürmte aus seiner Wohnung – die nächste Apotheke mit Notdienst lag nämlich glücklicherweise beinahe auf meinem Heimweg. Umgeben von den Gestalten des öffentlichen Nahverkehrs einer Großstadt um halb drei Uhr morgens kauerte ich übellaunig auf meinem Sitz. Ich bildete mir ein, dass mein ungewaschenes Gesicht unter meiner Maske noch nach fremdem Körper roch. Leichte Übelkeit stieg in mir auf, gemeinsam mit dem Gedanken, ob ich nicht besser direkt nach Hause fahren, duschen und schlafen gehen sollte. Schließlich gab mir diese „Pille danach“ ja ein paar Stunden Zeit.

Ich griff mein Telefon, um herauszufinden, wie lange nach der Verhütungspanne die „Pille danach“ noch eingenommen werden konnte. Doch zuerst rief ich zuhause an und erklärte leise und ein bisschen verschämt einem verschlafenen Roman, was passiert war und dass ich nicht wüsste, ob ich direkt zur Apotheke fahren sollte oder erst am nächsten Morgen. Er stimmte für sofort und wir legten auf. Eine schnelle Suche bei Google ergab, dass die „Pille danach“ in deutschen Apotheken in zwei Wirkstoff-Varianten käuflich zu erwerben sei. Und dass die Varianten sich in ihrer Wirkungsweise leicht voneinander unterschieden.

Nummer eins, Levonorgestrel, muss bis spätestens 72 Stunden nach dem betreffenden Sex eingenommen werden, wobei Wirkstoff Nummer 2, Ulipristalacetat, sogar ein Zeitfenster von bis zu 120 Stunden bietet. Beide Notfallverhütungsmittel wirken allerdings auf die gleiche Weise auf den Hormonhaushalt ein. Und zwar, indem sie das zur Zyklusmitte hin ansteigende LH Level, an dessen Höhepunkt der Eisprung ausgelöst wird, hemmen und den Zeitpunkt des Eisprungs dadurch um bis zu fünf Tage verzögern oder in seltenen Fällen sogar verhindern können.

Jedenfalls wird genug Zeit gewonnen, damit befruchtungsfreudige Spermien abgestorben sind, bevor die Eizelle sich auf ihren Weg machen kann. Über weitere Wirkungsweisen scheiden sich laut Internet auch heute noch die Forschungsgeister: Ob auch die Einnistung einer befruchteten Eizelle durch Ulipristalacetat verhindert werden kann, ist bisher nicht eindeutig belegt. Darauf, dass die Einnahme der „Pille danach“ zu einer Abtreibung einer bereits eingenisteten Eizelle führt, gibt es keine Hinweise.

Notfallverhütung? Nicht in jedem Fall!

All das las und lernte ich in dieser Klarheit also in jener Nacht in der Straßenbahn. Und meine leichte Übelkeit verstärkte sich durch die einsickernde Erkenntnis, dass eine „Pille danach“ mir faktisch gar nicht mehr helfen konnte (dramatic music intensifies). Hatte ich meinen Eisprung für den aktuellen Zyklus doch schon hinter mir. Nur wann genau? Lange genug her, dass das kritisch fruchtbare Zeitfenster bereits verstrichen war? Ich wusste es nicht.

Ich wusste nur, die Wirkung der „Pille danach“ würde für mich tatsächlich nur so nützlich sein, wie die der Smarties, mit denen Gesundheitsminister a.d., Jens Spahn, sie einmal verglichen hatte. Wenn auch mit der gegenteiligen Intention… (Dies geschah tatsächlich im Rahmen der Debatte um die Rezeptbefreiung der „Pille danach“ in den Jahren 2013 und 2014. Seit 2015 ist sie auch in Deutschland rezeptfrei erhältlich und das ist gut so. Ob das einem konservativen männlichen Politiker, der Menschen mit Uterus offenbar keinen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Reproduktionsfähigkeit zutraut, gefällt oder nicht. Ätsch.)

Ob es mir gefiel oder nicht – not gonna lie, es gefiel mir nicht – ich war mir zwar nicht im Klaren, an welchem der letzten Tage genau ich meinen Eisprung gehabt hatte, ich wusste nur sicher, es war bereits geschehen. Und die unbarmherzige Google Recherche hatte mir deutlich gemacht, wir hätten die Verhütungspanne besser ein paar Tage vor meinem Eisprung gehabt, damit die „Pille danach“ mir hätte zur Hilfe eilen können. Klarer Fall von schlechtem Timing.

Was mich allerdings am meisten irritierte, war, dass ich mein Leben lang geglaubt hatte, die „Pille danach“ sei ein magisch wirkendes Wundermittel gegen ungewollte Schwangerschaften, wenn man sie nur schnell genug einnahm. Dass dieses Medikament mir in der heißesten Phase meines Zyklus sehr wahrscheinlich gar nichts mehr nützen würde, tja, damit hatte ich nicht gerechnet.

Mit flauem Magen stieg ich also an meiner Haltestelle aus, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, mir das Ganze am nächsten Morgen noch einmal gründlicher zu überlegen. Schließlich sprach nichts dagegen, mir das Medikament trotzdem zu kaufen und einfach sicherheitshalber einzunehmen. Auch wenn es wahrscheinlich nur zur Folge gehabt hätte, dass sich meine Sorge, nicht alles Mögliche probiert zu haben, ein wenig legte. Aber wäre das wirklich die einzige Folge der Einnahme eines Hormonpräparats?

Ist das noch ne Nebenwirkung oder bist du schon schwanger?

Eine schnelle Stichwort-Recherche ergab, dass die meistens nur leichten körperlichen Nebenwirkungen der „Pille danach“ so individuell seien wie die Personen, die sie erleiden. Allerdings ist überall die Rede davon, dass sich der Beginn der nächsten Regelblutung nach der Einnahme sehr wahrscheinlich nicht unerheblich nach hinten verschieben kann. Klar, ergibt bei der Wirkungsweise der Präparate auch Sinn. Aber wie sähe das konkret in meinem Fall aus, wo ich mir doch sehr unsicher bin, ob das Medikament überhaupt noch seine Wirkung entfalten konnte?

Eine nicht zum erwarteten Zeitpunkt einsetzende Periode kann schlicht eine Nebenwirkung der „Pille danach“ sein oder eins der ersten Anzeichen einer bestehenden Schwangerschaft. Übrigens ebenso wie die restlichen gelisteten häufigen Nebenwirkungen. Gedanklich beglückwünschte ich mich selbst zu dieser psychischen lose-lose-Situation.

Letztlich habe ich mich am Morgen nach dieser Nacht dazu entschieden, kein Präparat zur Notfallverhütung einzunehmen. Ich rechnete mir die Chance ziemlich hoch aus, dass ich zum Zeitpunkt der Verhütungspanne schon nicht mehr fruchtbar gewesen war. Ich wollte nicht unnötigerweise in meinen Zyklus eingreifen und mir damit am Ende noch mehr Sorge bereiten.

Das war eine sehr individuelle Entscheidung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich in einer möglichen nächsten Notfallverhütungssituation anders entscheide, ist ziemlich hoch. Ich möchte nicht kategorisch ausschließen, dass es eine hilfreiche Vorgehensweise sein kann, die „Pille danach“ trotzdem oder im Zweifel zu nehmen. Eventuell macht sie in einer günstigen Situation dann doch das berühmte Zünglein an der Waage aus.

Meine Entscheidung, die am Ende dieser Geschichte steht, stellte sich im Nachhinein als eine richtige heraus. Auch ohne die Unterstützung durch die „Pille danach“ bin ich nicht schwanger geworden. Und durch den Verzicht auf ihre Einnahme und die damit einhergehenden möglichen Nebenwirkungen erlöste mich meine Periode sogar überpünktlich von meinen Sorgen. Hurra nochmal!

Ich möchte aber noch einmal wiederholen, es war meine persönliche Entscheidung in einer individuellen Situation. Ich möchte mit diesem Text also keine Handlungsempfehlung geben, sondern eine wichtige Information, die mir selbst bis zum beschriebenen Zeitpunkt fehlte: Die berühmte „Pille danach“ ist kein Hilfsmittel ohne deutliche Limitierungen. Sie dient nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zur Notfallverhütung im Anschluss an ungeschützten Sex. Sie wirkt außerdem nicht präventiv nach ihrer Einnahme für den Rest des laufenden Zyklus.

Ich wünschte, ich hätte dieses Wissen nicht erst in einem Moment erlangt, in dem es praktisch schon zu spät war. Ich sehe die Wurzel des Übels der fehlenden Information in dem Tabu, das immer noch und zu Unrecht auf dem Thema „ungewollte Schwangerschaft“ liegt. Wir haben ein Recht auf Aufklärung und Information, die dabei hilft, uns selbst zu schützen.

Trotzdem wird die Verantwortung gerade für sexuelle Aufklärung noch viel zu häufig in den privat-familiären Raum verlagert, wo sich auf die Weitergabe von Wissen in guter alter Mund zu Mund Manier verlassen wird. Und ich muss keiner Person, die eine Grundschule besucht hat, erklären, wie effektiv das Prinzip der Stillen Post auch heute noch funktioniert, wenn es um die Weitergabe wichtiger Informationen geht.

Wichtige Kurzinfos und Quellen zur „Pille danach“ auf einen Blick

+ Das Medikament mit dem Wirkstoff Levonorgestrel muss bis spätestens 72 Stunden nach dem ungeschützten Sex eingenommen werden und wirkt nur bis einen Tag vor dem Eisprung.

+ Das Medikament mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat muss bis spätestens 120 Stunden nach dem ungeschützten Sex eingenommen werden und kann auch noch am eigentlichen Tag des Eisprungs wirken. Aber immer noch nur bevor der Eisprung stattgefunden hat.

+ Eine schwangerschaftsverhütende Wirkung beider Wirkstoffe nach dem Eisprung kann bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden.

+ Die „Pille danach“ ist in Deutschland rezeptfrei (und bis 18 Jahre kostenlos) in der Apotheke erhältlich. Das Medikament wird nur an die betreffende Person persönlich ausgehändigt.

+ Die Wirkung beider Wirkstoffe schwächt sich bei ansteigendem Körpergewicht deutlich ab! Schon ab 70kg Körpergewicht wirkt Levonorgestrel wesentlich unzuverlässiger, während diese Beobachtung beim Wirkstoff Ulipristalacetat ab 95kg Körpergewicht gemacht wird. Mehrgewichtige Personen müssen ggf. auf die „Spirale danach“ zurückgreifen, um die gewünschte Wirkung einer Notfallverhütung zu erhalten.

+ Häufige Nebenwirkungen nach der Einnahme von Medikamenten beider Wirkstoffe sind: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit oder Erbrechen, Spannen der Brust, Menstruationsschmerzen und -unregelmäßigkeiten. Es wird von Schmierblutungen berichtet sowie stärkere oder schwächere Blutungen bis zur nächsten Periode, die außerdem verspätet eintreten kann. Auch eine Schwangerschaft kann sich teilweise mit solchen Beschwerden bemerkbar machen!

+ Die „Pille danach“ ist nicht mit der Anti-Baby-Pille zur regelmäßigen Verhütung oder dem Medikament zum Schwangerschaftsabbruch zu verwechseln.

+ Die Wirkstoffe in der „Pille danach“ eignen sich nicht zur wiederholten Einnahme während desselben Zyklus. Darüber hinaus wirken sie nach der Einnahme nicht präventiv bis zum Zyklusende und schützen auch nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen.

Weitere Infos und genauere Erläuterungen lassen sich zum Stand der Veröffentlichung dieses Posts auf den folgenden Webseiten finden:

+ Apotheken Umschau

+ Frauenärzte im Netz

+ profamilia

+ Wikipedia (Mit Abstand die Quelle mit den neuesten Aktualisierungen zum Thema, was dem Medium der interaktiven Enzyklopädie geschuldet ist. Dennoch sind andere Webseiten und Google-Inhalte der ersten Seite erschreckend alt.)

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